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NOVO – Forum Groningen ohne Groningen

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Das Forum in Groningen.
Ein beeindruckender „Dritter Ort“. Man spürt die Energie, die dieses Konzept freisetzen kann: Bildung, Begegnung, Kommunikation – alles unter einem Dach. Das ist genau die Vision, die wir auch für Bremerhaven haben, für unser NOVO-Projekt auf dem ehemaligen Karstadt-Areal.
Eine Stadtbibliothek, eine Jugendherberge.

Und das ist gut und wichtig. Unsere Innenstadt braucht dringend neue Impulse, steht vor großen Herausforderungen: Leerstand, sinkende Passantenfrequenzen, ein Rückgang des Einzelhandels – Karstadt und Saturn sind weg. Da ist so ein Ankerpunkt, ein „Dritter Ort“, essenziell.

Aber wenn ich hier so sitze und sehe, wie viel Leben hier pulsiert, frage ich mich:
Ist das NOVO allein wirklich genug?

Die aktuellen Planungen für Bremerhaven konzentrieren sich
ausschließlich auf Bibliothek und Jugendherberge. Dafür rechnen wir mit Gesamtkosten von mindestens
75 Millionen Euro – und jährlichen Mehrkosten für die Stadt von rund
1.577.000 Euro im Vergleich zum heutigen Status quo. Das ist eine erhebliche Investition des Steuerzahlers!
Und genau hier kommt ein entscheidender, von der Politik scheinbar verkannter Punkt ins Spiel:
Groningen hat, gemessen an seiner Einwohnerzahl, sehr viele Studierende. Mit rund
245.000 Einwohnern und 55.000 bis 60.000 Studierenden studiert hier jeder vierte bis fünfte Einwohner! Das Forum ist auch stark auf diese studentische Zielgruppe ausgelegt.
Hier sieht man Studierende überall, sie prägen das Bild und nutzen diese Angebote intensiv.

In Bremerhaven ist das anders. Wir haben eine Einwohnerzahl von rund
117.537 Menschen (Stand 2022). Und die Hochschule Bremerhaven zählt nur rund
3.000 Studierende. Das sind, selbst bei optimistischer Schätzung, weniger als 3% der Bevölkerung! Unsere Bevölkerungsstruktur ist anders, deutlich weniger studentisch geprägt. Die Studien zeigen, dass unsere Bevölkerung – und nicht nur Studierende – der größte Anteil am Nachfragepotenzial ist.

Wenn wir das Groninger Modell eins zu eins übertragen, ohne unsere eigene demografische Realität zu berücksichtigen, dann wird das Forum als „Dritter Ort“ in Bremerhaven nicht die gleiche Resonanz finden können, wie es hier der Fall ist.
Und, was einen Dritten Ort angeht, da hätte man sich die ganzen Geschäftsausflüge auch sparen können und sich man anschauen sollen, was Anika Schmidt, damals 2022 als Direktorin der Stadtbibliothek zusammengestellt hatte. Das war 1:1 das, was man heuer bei einer 3 Ort Spezialistin für viel Geld eingekauft hat.
OK, so kann man den Haushalt auch belasten.

Dabei liegt der Stadt eine andere Machbarkeitsstudie vor, die etwas ganz anderes, etwas essenziell Kommerzielles vorschlägt, das unsere Innenstadt dringend bräuchte: eine „Markthalle der Nachhaltigkeit“. Diese Studie wird von der aktuellen politischen Planung
ignoriert, dabei sollte sie als neuer Ankerpunkt die kommerziellen und erlebnisorientierten Lücken in der Innenstadt schließen. Denken wir nur an den Vollsortiment-Supermarkt, der dort geplant war! Der hat ein Potenzial von 8 Millionen Euro Umsatz. Das ist ein „konstanter, zuverlässiger Frequenzbringer“ und eine „stabile Quelle für Mieteinnahmen“.
Dieses kommerzielle Rückgrat ist entscheidend, um die
Gesamtwirtschaftlichkeit des Areals zu sichern und potenziell weniger profitable, aber sozial wichtige Aspekte wie ein Repair Café oder Pop-Up-Flächen langfristig zu unterstützen.

Die Bürger in Bremerhaven wünschen sich übrigens auch genau das: mehr Vielfalt in Gastronomie und Einzelhandel, nachhaltige Produkte, eine bessere Atmosphäre. Die Markthalle wurde entwickelt, um diese
spezifischen Marktlücken zu schließen. Ohne sie bleibt dieser Bedarf unbefriedigt, und die Innenstadt bleibt in vielen Augen unattraktiv. Die Politik verkennt hier die längerfristigen Auswirkungen!

Ich fürchte, das NOVO allein reicht nicht. Die ursprüngliche Studie kommt zu dem Schluss, dass eine
integrierte Lösung, die die Stärken beider Ansätze vereint, die umfassendsten und synergetischsten Vorteile für Bremerhaven bieten könnte. Sie würde „sowohl die wirtschaftliche Belebung als auch die soziale und kulturelle Entwicklung effektiver fördern als die isolierte Verfolgung eines einzelnen Konzepts“.

Wenn sich die Planungen jetzt ausschließlich auf Bibliothek und Jugendherberge konzentrieren, riskieren wir, dass diese riesige Investition von 75 Millionen Euro zwar soziale Vorteile bringt, aber die dringend benötigten kommerziellen Impulse für die Innenstadt verpuffen oder sogar ganz verschwinden. Die Frequenz, die wir hier im Forum Groningen sehen, speist sich eben auch aus den umliegenden kommerziellen Angeboten und einer ganz anderen demografischen Struktur. Ohne die Markthalle fehlt unserem NOVO nicht nur ein riesiges Puzzleteil, sondern es wird auch zu einem
kostspieligen Projekt, dessen voller Nutzen für die gesamte Innenstadt ohne die kommerzielle Anbindung eher gering bleibt. Wir dürfen nicht vergessen, warum das Karstadt-Areal überhaupt neu gedacht wird: um die Innenstadt als Ganzes zu retten.
Und dafür braucht es mehr als nur Bildung und Tourismus. Es braucht auch den Motor des Handels.

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