So richtig Lust hatte ich nicht, zu diesem Neujahrsempfang zu gehen. Das Wetter verhieß mal wieder Regen, aber einmal aufgerafft muss ich sagen, es hat sich gelohnt.
Die Eindrücke sind noch frisch, also schreibe ich sie so, wie sie aktuell sind.
Ich traf viele liebe Bekannte! Heute heißt es ja Netzwerken.
Das ist wichtig, denn hinter allen Entscheidungen, Äußerungen, hinter dem, was auch ich hier oft als “die Politik” beschreibe, hinter alledem stehen Menschen.
Und, außerhalb der verschiedenen Meinungsblasen, sind wir uns ähnlicher, als es manchmal nach außen hin erscheint. 

Aber, der Abend war auch richtig spannend.
Melf Grantz und Torsten von Haaren, wollten sich also mit jungen Menschen auseinandersetzen. Gute Idee!
Sie hatten drei Frauen und einen Lehrer eingeladen.  Fiona Brinker kenne ich, bei den anderen Namen muss ich jetzt leider passen. 
Was dann geschah, damit hatte ich in dieser Wucht kaum gerechnet.
Zunächst vorab ein Video. 
OK, ein Werbefilm für Bremerhaven, dachte ich!
Skateboardfahrer auf dem Willy Brand Platz, Aufnahmen von Club-Konzerten in dichter Reihenfolge, Kite-Segler, Club Atmosphäre auf dem Deich, eine junge Frau in Hafenarbeitermontur, die ganze Stadt ein Event, die ganze Stadt ein junger Aufbruch.
Wow!
Kurze Schweigesekunde im Saal, dann rauschender Beifall. Dr. Mayer von Erlebnis Bremerhaven wird feuchte Augen bekommen haben.
Aber, war das wirklich Bremerhaven?
Die Macherin des Videos konnte sich auf dem Podium als erste äußern.
Sie stellte klar, dass sie (sie hatte in Bremerhaven studiert) die Stadt aus beruflichen Gründen verlassen wird.
Das Video?
Es waren alles Freunde von ihr, das Material war schnell, sehr schnell zusammengeschnitten, und stammte aus einem längeren Zeitraum.
Ernüchternd!
Und ernüchternd war auch ihr Blick auf Bremerhaven:
wenig Raum für junge Menschen, nichts los, Angst beim Fahrradfahren, und von Klimastadt keine Spur.
Überhaupt, die Bezeichnung “Klimastadt” wurde oft genutzt an diesem Abend, aber passt nicht dazu, wie die Stadt dann von den jungen Menschen beschrieben wurde. 

Das, was dort über die Leinwand ging, war das Fantasiebild einer älteren Generation, wie sie sich die Wünsche der jungen Generation vorstellt.

Auch die anderen Teilnehmer auf dem Podium stellten Bremerhaven kein besseres Zeugnis aus.

Torsten von Haaren und Melf Grantz versuchten zu betonen, was man alles für junge Menschen machen würde, und Jobs und…..

Und da zeigte sich auch das eigentliche Problem!
Die Lebensentwürfe.
Von Haaren und Grantz konnten sich kein Leben vorstellen, das sich nicht nur um Wohnen, Arbeiten, Auto, Urlaub, Kreuzfahrt dreht, also die Themen der Stadt.
Dies ganze Bemühen mit dem Verweis auf das Werftquartier “zieht” nicht bei jungen Menschen, die sich lieber eine Stadt aussuchen, in der es sich einfach gut leben läßt.
Einfach gut leben!
Kleiner Schlenker.
Mein Werdegang war sicherlich nicht typisch. Ich konnte mir viele Freiheiten nehmen, die sich junge Menschen heute nicht mehr nehmen können. Numerus Clausus war kein Thema für mich, und auch keine Masterstudiengänge mit verschulten Stundenplänen.
Ich habe das Leben genossen, und mir die Freiheiten genommen.
Nein, nichts zum Nachmachen!
Aber, damals habe ich vollgetankt, und der Tank ist bis heute noch nicht leer.
Das ist für viele junge Menschen heute so nicht mehr möglich!
Und hierfür stehen eben Grantz und von Haaren, für durch gezirkelte Lebenswege.
Ich weiß nicht, wie ihre Lebenswege tatsächlich waren, aber auf der Bühne haben sie gestern genau dies Klischee verkörpert.
Wissenschaftler suchen keine Jobs!
Wer sich in diese Welt der Forschung begeht, muss dafür brennen.
3 Jahresverträge, viel Arbeit, viele Einschränkungen, viele Umzüge immer Angst um die Finanzierung von Projekten.
Diese Leidenschaft für ein Thema will man auch dort erleben, wo man wohnt.
Und Leidenschaft für die Wissenschaft, für die Wissenschaft rund ums Klima?
Nein, in Bremerhaven ist diese Leidenschaft nicht zu finden.

Die junge Generation nimmt sich jetzt wieder ihre Freiheiten, Jobs und Reihenhaus sind für viele keine Option.
In vielen Ländern wird dieser “stille Ausstieg” schon längst beobachtet: Arbeitsstunden werden reduziert, man muß nicht immer den neusten Wagen fahren, nicht immer weiter reisen, als die Nachbarn.
Einfach nur Leben und das tun, wofür man brennt!

Und da standen sie auf der Bühne, zwei Arten von Lebensentwürfen, zwei Konzepte stießen frontal aufeinander, obwohl sich Melf Grantz und von Haaren sichtlich Mühe gaben.

Lebensqualität!

Und, Lebensqualität hat eben nichts mit neuen Vierteln, oder mit Jobs zu tun.
Manchmal reicht ein Fahrradweg aus, das Caffee an der Ecke, ohne Autolärm, der spontane Rave, irgendwo.
Junge Menschen verzichten gerne auf das, wonach die Generation Babyboomer noch hechelte.
Melf Grantz und von Haaren betonten immer wieder, dass sie zu dieser Generation gehören.

Der Eventcharakter einer Stadt, den der kleine Film zeigte, wurde so zur Satire. 
Die junge Regisseurin hat es dann auch so zusammengefasst:
sie wisse nicht, wohin sie abends in Bremerhaven gehen soll.
Sie hat auch keine Lust, beim Fahrradfahren immer darauf achten zu müssen, ob nicht eine Autotür aufgemacht wird.

Auch Fiona Brinker betonte, sie will einfach nur sicher mit ihrer Familie leben, und vielleicht solle man sich mal um die bestehenden Viertel kümmern.

Eins wurde klar, diejenigen, die jetzt die Stadt gestalten, machen das nach Grundsätzen, die schon lange nicht mehr gelten.
Lebensqualität, ist der Schlüssel, und die hat nichts mit neuen Quartieren, hippen Neubauten in der Stadt zu tun.
Wissenschaftler lockt man so nicht in die Stadt.
Und viel Geld braucht es dazu auch nicht.
Was es auch braucht, das Stichwort lag auf dem Tisch: Kultur. Im engen und im weiten Sinnen.
Das ist auch Melf Grantz langsam klar geworden, wenn er extra die Stadtbibliothek betonte.
Eine Insel der Lebensqualität in der Einöde verfallender Konsumlandschaften.

Der Rest? Möglichkeiten erkennen.
Und, es ist nicht nur die Alte Bürger, die immer wieder als Vorzeigeprojekt für Eventkultur herhalten muss!
Das reicht nicht!

Also, es war doch ein interessanter Abend, und es wird langsam Zeit für eine Wachablösung, nicht nur was die Parteien angeht, sondern, was Lebensentwürfe angeht, und die haben auch nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun.

Klasse Abend, ich hoffe, das Video finde ich noch im Web.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner