Eine Frage der Perspektive!

by ekrowski

Ich habe in der letzten Zeit auf YouTube einige Videos hochgeladen,
der letzte Post im WhatsApp Kanal : https://whatsapp.com/channel/0029VaDcArlEgGfW9FKSQ61H/142


Natürlich beschäftigt mich noch immer der Abriss von Karstadt, und mit mehr Menschen ich mich unterhalte, und je mehr Architekten ich höre: die aktuellen Planungen sind ein Wahnsinn mit Ansage, und widersprechen aller städtebaulichen Vernunft.
Warum kommt so wenig Widerstand aus der Zivilgesellschaft?
Es ist kaum zu erklären.

Aber vorweg:
Was habe ich eigentlich mit Stadtplanung zu tun?
Eine Erklärung am Schluß dieses Textes.

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Thema Stadtplanung.
Ein Video betrifft die sog. Untere Bürger, also die Fußgängerzone in Bremerhaven.

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Ich habe die Straße mit der Kamera zu Fuß abgeschritten, d.h. im Sinne von Lucius Burckhardt „erbummelt“

Warum ist das wichtig?
Für Jan Gehl ist ein Maßstab, mit dem er einen Raum, einen städtischen Raum als “für Menschen geeignet” beurteilt, die Geschwindigkeit, mit der er einen Raum erfasst.

Es ist ein Unterschied, ob ich zu Fuß gehe, mit dem Fahrrad fahre oder ob ich mich mit dem Auto bewege.

Ich habe in einem Video Perspektiven in Bremerhaven gegenübergestellt.
Die Untere Bürger zu Fuß, die Alte Bürger mit dem Rad und die Hafenstraße mit dem Auto.

Es wird sofort klar,
Details, wie die schlecht gestalteten Schaufenster in der Unteren Bürger nehme ich nur zur Kenntnis, wenn ich dort zu Fuß gehe.
Schon mit dem Fahrrad ändert sich die Wahrnehmung.
Mit dem Auto, hier die Hafenstraße, verschwimmt alles, was auf Augenhöhe ist, da es, und wir waren sehr langsam unterwegs, zu schnell für das Auge ist.


Das mag auch der Grund sein, warum sich kaum jemand so richtig um die Hafenstraße bemüht.
Es ist eben eine Autostraße.
Da diejenigen, die etwas bewirken könnten, meistens mit dem Auto unterwegs sind, nehmen sie den Raum, außerhalb der Straße emotional nicht wahr.


Das ist der Punkt: die Wahrnehmung.
Sinneswahrnehmungen führen zu Emotionen.
Wo fühlen wir uns wohl, wo nicht? Was haben wir eigentlich gesehen, bemerkt?
Die Werbung spielt perfekt auf der Klaviatur der Sinneswahrnehmungen, denn nur wenn wir uns an einem Ort wohlfühlen, sind wir auch in Kauflaune.
Emotionen sind die Grundlage, wie wir unseren Raum, unser Umfeld beurteilen. Emotionen sind abhängig von der Art und Weise, wie unsere Sinnesorgane einen Raum erkennen.
Wir sind evolutionär als Fußgänger ausgelegt. Das ist die Art und Weise, wie unsere Sinne effektiv mit unserer Umwelt umgehen.


Der Zusammenhang klingt banal, ist für die Stadtplanung aber elementar.
Beispiel:
Ich habe jetzt einige Präsentationen von de Zwarte Hond gesehen, die sie auch während einer Bürgerbeteiligung vorgestellt haben.

Der Blick vom alten Hafen zur Großen Kirche.

Ich habe mir die Perspektive mal auf Google Earth angeschaut.
Gefühl? Da stimmt was nicht!
Vor Ort wird schnell klar, dass wir die Perspektive, den Ort ganz anders emotional aufnehmen, wenn wir ihn persönlich erleben.
Z.B. nehmen wir die Türme des Columbus Centers als viel präsenter wahr, als die Zeichnung es vermuten läßt. Dort hat man sie weggelassen. Politisch ist das durchaus gewollt, weil ja die Blickachse Alter Hafen / Große Kirche das Totschlagargument für den Abriss des Karstadt Gebäudes ist. Aber, ist die dann entstehende „Lücke“ wirklich so markant?

Die bisherigen Präsentationen, auch die von Andreas Heller täuschen mehr über die real gefühlte Realität, als dass sie geeignet sind, die tatsächliche Situation aus menschlicher Sicht darzustellen.

Vor Ort sieht es anders aus, als suggeriert wird. Besonders die so extrem dargestellte Störung der Sichtachsen, ist eher ein politisches Narrativ. Das alte Karstadtgebäude, das schwarze Gebäude, ist kaum zu erkennen. Anders der neue Teil, der in der Tat die Sichtachse auf die Große Kirche stört.
Aber, da wird mit Äpfeln und Birnen gehandelt, und mit den Perspektiven herumgespielt um ein politisches Ziel zu erreichen: nicht das beste für die Innenstadt, sondern eine Marke, die man setzen will, mit einem Neubau, den man dann schön eröffnen kann, egal, ob es der Stadt auf Dauer nutzen wird.


Jan Gehl hat in seinem Buch “Städte für Menschen” beschrieben, wie wir Räume wahrnehmen,
z.B. welche Entfernungen für unser Sehen oder Hören wesentlich sind.
Zur Stadtplanung schreibt er:

Städtebauliche Pläne und Stadtentwicklungsprojekte lassen sich, vereinfacht gesagt, als Arbeit mit verschiedenen Maßstabsebenen bezeichnen.
Der große Maßstab…..Generalplanung….
Der mittlere Maßstab….Gestaltung einzelner Elemente
Der kleine Maßstab -zwar letztgenannt, aber sicher am wichtigsten-bezeichnet die menschliche Stadtlandschaft, daß heißt die Stadt, wie sie von den Einwohnern und Nutzern auf Augenhöhe erlebt wird.
Nicht die Umrisse und großen Linien einer Stadt oder die eindrucksvoll platzierten Bauten sind von Interesse, sondern die Qualität der öffentlichen Räume, die die Menschen wahrnehmen, wenn sie durch die Stadt gehen, oder sich in ihr aufhalten.
Hierbei arbeitet der Planer auf der Basis von Sinneswahrnehmungen bei Laufgeschwindigkeiten von 5 Km/h.

Jan Gehl: „Städte für Menschen“

Bisher ist das in Bremerhaven nicht geschehen.
Die Modellschieberei aus der Helikopterperspektive an Modellen kann eine Wahrnehmung auf Augenhöhe vor Ort nicht ersetzen.

Kurz:
Die Verwahrlosung der Hafenstraße, die niemand zu stören scheint, lässt sich auch damit erklären, dass die Verantwortlichen die Straße nur selten als Fußgänger wahrnehmen.
Wie wäre es denn, wenn der Bauausschuss, und warum nicht auch die Stadtverordnetenversammlung (so groß ist ja nun auch nicht) Straßen und Plätze in Bremerhaven begehen würden, und vor Ort, zusammen mit den Menschen ihre Entscheidungen treffen würden?
Wie wäre es denn mit Gerüsten die tatsächlichen Maße von geplanten Gebäuden nachzustellen? Schnell gemacht, preiswert und anschaulich für alle, nicht nur für diejenigen, die es gewohnt sind, mit maßstäblichen Zeichnungen umzugehen, und meistens selbst in die menschliche Falle tappen.

So bleibt es aber bei einer Stadtplanung aus Perspektiven, die mehr täuschen als helfen und das menschliche Maß nicht berücksichtigen.

So wird Bremerhaven keine Stadt für Menschen!

Wie Städte einmal funktionierten?


Was habe ich mit Stadtplanung zu tun!
Eine Erklärung bin ich schuldig.
Warum beschäftigt sich ein Anwalt mit Stadtplanung?

Kurz:
Abitur mit Pädagogik als Leistungsfach, erster Kontakt mit Soziologie. Im Jurastudium Wahlfach Kriminologie bei Prof. Hans Joachim Schneider.
Thema: Architektur und Kriminalität.
Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, wie wirkt sich Stadtplanung, Architektur auf Kriminalität aus. Das Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: wie ändert Architektur, Stadtplanung das Gefühl von Menschen, und damit auch ihr Verhalten.
„Problemviertel“ werden noch immer oft von der rein soziologischen Seite begriffen, aber viel zu selten auch von der stadtplanerischen Seite. Obwohl, gerade die Stadtplanung für das Sozialklima einer Stadt entscheidend ist.
Was hat das mit Innenstädten zu tun?
Brutal formuliert: Politik und Planer von Innenstädten treibt die Frage um: wie locken wir den Menschen das Geld aus der Tasche, damit der Handel brummt und das Bruttosozialprodukt steigt, Steuern hereinkommen, Immobilienpreise steigen.
Ob sich die Menschen in der Stadt wohlfühlen, interessiert sie nur sekundär in dem Zusammenhang: wer sich wohlfühlt kauft auch kräftig ein, die Immobilienpreise steigen.
Das funktioniert schon lange nicht mehr, und die Kommunen agieren zum Teil wie Stadtplanungszombies: auf der Suche nach der Welt, die sie mal kannten.
D.h., was wir in Bremerhaven erleben, hat etwas mit den Prinzipien zu tun, nach denen ich einen Vergnügungspark plane, oder eben ein Kreuzfahrtschiff.
Eine Stadtplanung für Menschen sieht anders aus.
Und bei diesem Begriff sind wir bei: Jan Gehl .
Schon vorher haben sich viele Stadtplaner Gedanken über diese Zusammenhänge gemacht, aber nie wurden sie so prominent gehört wie Jan Gehl.
Hierhin gehört auch der Name von Richard Sennet.
Sein Buch, “Die offene Stadt” richtet den Blick mehr auf die soziologische Sichtweise. Er ergänzt die Welt von Jan Gehl z.B. mit Fragen, wie die Menschen bei der Planung einbezogen werden können.

Es war für mich natürlich ein Glücksfall, dass ich später in Münster reichlich Gelegenheit hatte, gute Stadtplaner, oder auch nicht so gute, zu hören. 

Das Thema ist für mich noch immer zentral, wenn ich mir Städte, insbesondere Innenstädte anschaue und sehe, wie Sie noch immer wie Disney Land geplant, behandelt und gebaut werden: für Nutzer, aber nicht für Menschen.

Wenn ich jetzt eine Hausaufgabe aufgaben dürfte?  2 * Wall’e, den Zeichentrickfilm anschauen!
Der Film hat viel damit zu tun, wie unserer Zukunft aussieht, wenn wir uns nicht ändern!
Wollen wir das?

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